Denkblockaden 2011

release: 
01.10.2011

Bereits zum Bildungsstreik 2009 hatten wir eine Broschüre mit dem Titel "Denkblockaden" erstellt. Jetzt greifen wir den Titel wieder auf und haben auf 28 Seiten einige unserer Debatten der letzten Zeit verschriftlicht, Interviews geführt, fotografiert, recherchiert, diskutiert, gelayoutet und viel Spaß gehabt. Inhaltlich gibt es u.a. Artikel über Wissenproduktion im Kapitalismus, Kritik der Chancengleichheit, Rüstungsforschung an der Uni Bremen, die Situation von linken WissenschaftlerInnen und vielem mehr...

 

Artikel "Chancengleichheit oder Barbarei?" lesen

 

Um einen ersten Einblick bekommen zu können, folgt hier das Editorial der "Denkblockaden 2011":

 

Moin moin,

schön, dass du unsere Denkblockaden-Broschüre aufgeschlagen hast! Diese macht hoffentlich Spaß beim Lesen.

 

Verträumte Blicke und fröhliches Glucksen sucht man heute bei Studierenden vergeblich, wenn sie über die Uni reden. JedeR, der/die schon ein paar Semester studiert hat, kennt sicherlich Momente, in denen die Freude am Studieren sich dem Nullpunkt näherte. Die Geschichten der Elterngeneration – längeres Studium, große thematische Vielfalt, Prüfungsstress (wenn überhaupt) erst am Ende des Studiums – scheinen heute meist fern jeder Vorstellungskraft. Während früher das Studium oft als Lebensphase der Selbstfindung fungierte und Raum bot, sich auszuprobieren, stehen heute permanenter Noten- und Leistungsdruck und die schnelle und somit für die öffentlichen Kassen finanziell günstige Berufsausbildung im Zentrum. [Hier soll jetzt keinesfalls der Eindruck erweckt werden, dass früher alles gut gewesen wäre und heute alles fies ist. Früher gab es genauso Gründe wie heute, Kritik am Studium zu üben.] Die Devise ist: Schnell rein, straight durchstudieren, schnell raus und ab auf den Arbeitsmarkt.

Das finden wir scheiße. Wir wollen studieren, ohne uns kaputt zu machen, wollen keine „Lehrpläne“, sondern selbst bestimmen können, welche Veranstaltungen wir besuchen und wie lange wir studieren. Wir wünschen uns gesellschaftskritische Lehre und Wissenschaft und keine bloße Reproduktion der herrschenden Ideologie. Bloßes Nachtrauern der „guten alten Zeiten“ bringt jedoch keine Veränderung – dafür muss man selbst mit anderen aktiv werden und Bewegung in den Laden bringen.

Wir finden es wichtig, sich inhaltlich und praktisch in den Unialltag einzumischen. Die vorliegenden Artikel sind dabei Ausdruck einiger unserer Debatten und Themen.

 

Im Artikel „Wissen...was? Schafft!“ (S. 4) nehmen wir den Wissenschaftsbetrieb unter die Lupe. Wissensproduktion findet heute nach den Prinzipien von Leistung und Konkurrenz statt. Diese Leitsätze wurden auch auf die Lehre übertragen und führen zu direkter und indirekter Konkurrenz zwischen den Studierenden und einem enormen Leistungsdruck. Anhand des Bologna-Prozesses und der mit ihm eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge lässt sich dies gut nachzeichnen.

Unter dem Titel „Chancengleichheit oder Barbarei?“ (S. 7) begründen wir in sieben Thesen, warum wir die alleinige Forderung nach Chancengleichheit für zu kurz gegriffen halten. Chancengleichheit doktort nur an den Symptomen eines falschen Systems herum und kann lediglich dessen unfaire Auswirkungen abmildern. Wir glauben, dass stattdessen eine grundsätzliche Veränderung notwendig ist.

An einigen deutschen Universitäten wird derzeit die Kooperation mit Rüstungsunternehmen diskutiert, so auch in Bremen. An der Bremer Universität wird aktuell gefragt, inwiefern die 1992 eingeführte Zivilklausel heute noch vertretbar ist. In ihr wird jede Beteiligung von Wissenschaft und Forschung mit militärischer Nutzung bzw. Zielsetzung abgelehnt. Damit steht sie im Widerspruch zu einer Stiftungsprofessur durch die OHB-AG, die für die Bundeswehr das Satelliten-Aufklärungssystem SAR-Lupe entwickelte. In „Die Crux mit der Zivilklausel“ (S. 24) wird zum einen deutlich, warum die Finanzierung der Unis durch externe GeldgeberInnen zur Normalität zu werden droht, und zum anderen, wieso heute eine Zivilklausel, welche die Kooperation von Uni und Militär verbietet, nach wie vor wichtig ist.

Die Debatte um Thilo Sarrazin und seine Veröffentlichungen hat monatelang die Öffentlichkeit beschäftigt. Die breite Zustimmung zu seiner rechtspopulistischen Hetze ist alarmierend. Mit dem Artikel „Wie Sarrazin die Salonfähigkeit von Rassismus und Rechtspopulismus gefördert hat...“ (S. 10) wollen wir daher nicht so sehr auf Sarrazin persönlich eingehen, sondern seine Argumentationsmuster und die dahinter stehenden Logiken verdeutlichen, denn diese sind tief in unserer Gesellschaft verankert – und damit meinen wir nicht nur den rechten Rand, sondern vor allem die sogenannte gesellschaftliche „Mitte“.

Von dieser sogenannten „Mitte“ wird auch gerne die Extremismuskeule ausgepackt, wenn Standpunkte bezogen werden, die zu weit von der Mitte abweichen. So werden beispielsweise engagierte AntifaschistInnen mit Nazis über einen Kamm geschert. Zur Kritik der Extremismusdoktrin stellen wir euch daher auf der Seite 23 zwei Publikationen zum Thema vor.

Alle paar Jahre werden wir aufgefordert durch ein paar Kreuzchen über die politische Entwicklung unserer Gesellschaft abzustimmen. Ernsthafte Veränderungen an den bestehenden Verhältnissen sind über diesen Weg aber nicht möglich. In diesem Sinne geht es in „Pepsi oder Sprite – wer die Wahl hat...“ (S. 18) um Herrschaft und Demokratie.

Mit einer Reihe von Interviews wollen wir die Situation von linken WissenschaftlerInnen beleuchten, die sich nach Abschluss ihres Studiums dazu entschieden haben, erst einmal an der Uni zu arbeiten. Auf den Seiten 26-27 wird deutlich, dass es im Universitätsbetrieb oft schwierig ist, den Spagat zwischen der eigenen – oft prekären – Situation und dem persönlichen Anspruch nach kritischer Forschung und Lehre zu bewältigen.

Plagiate sind nicht nur Grund für durchgefallene Prüfungen, sondern haben auch schon einige PolitikerInnen-Karrieren beendet. Im Artikel „Alles nur geklaut!“ (S. 20) wird nicht nur der Frage nachgegangen, warum Plagiate in der Wissenschaft so verpönt sind, sondern auch die Bedeutung von geistigem Eigentum prinzipiell diskutiert,.

Außerdem gibt es einen Gastbeitrag von Studierenden der Uni Erlangen (S. 12), welche das seit Sommersemester 2011 von ihnen organisierte „Autonome Seminar“ vorstellen.

Die Broschüre kommt aber nicht nur bierernst daher, denn gegen die Textlastigkeit haben wir neben einem Rätsel rund um den Unialltag (S. 13) auch eine mitreißende Foto-Story (S. 16) und ein Poster für dein Zimmer erstellt.

 

Noch eine Anmerkung zu geschlechterspezifischen Schreibweisen: Die deutsche Sprache ignoriert Nicht-Männer, indem die männlichen Formen zugleich geschlechterübergreifend verwendet werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die männliche Form zu erweitern. Als Ergebnis der Auseinandersetzungen in der deutschen Frauenbewegung der 1980er Jahre um männlich dominierte Sprache wurde das „Binnen-I“ („SchülerInnen“) eingeführt. Der Gender-Gap „_“ („Schüler_innen“) soll ein Mittel der sprachlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten abseits der gesellschaftlich konstruierten Zweigeschlechtlichkeit sein. Die ausschließliche Nutzung der weiblichen Formen („Schülerinnen“) dreht den Spieß einmal um und setzt diese als Norm. Da wir uns bisher nicht auf eine Form einigen konnten, experimentieren wir damit zwischen den einzelnen Artikeln.

 

Über Kommentare, Lob, Anregungen und Kritik zum Gesamtwerk oder zu einzelnen Artikeln freuen wir uns riesig. Schreib uns dazu einfach eine Mail an: bremen@avanti-projekt.de

 

Viel Spaß bei der Lektüre.

 

 

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