Kampf um Wohnraum

Europäische Aktivistinnen berichten in Berlin über Proteste und Aktionen in Zeiten der Euro-Krise

Wir dokumentieren hier einen Bericht in der Tageszeitung Junge Welt über eine von unserer AG organisierte Diskussionsveranstaltung aus der Reihe „Dreimal Recht auf Stadt“ der Interventionistischen Linken Berlin (IL).

 

Kampf um Wohnraum

 

Europäische Aktivistinnen berichten in Berlin über Proteste und Aktionen in Zeiten der Euro-Krise

 

Von Fabian Rennig

 

Einhundert Besetzer sind bereits im Haus, als die Polizei morgens zur Räumung anrückt. »Es lebe der Kampf der Arbeiterklasse« rufen sie, Autos hupen ihnen zu. »Einmal haben wir einen Monat lang ausgeharrt, um eine Zwangsräumung zu verhindern«, kommentierte Lucía aus Spanien das mitgebrachte Video. Die interventionistische Linke (iL), das Blockupy-Bündnis und die Rosa-Luxemburg-Stiftung hatten sie und weitere in der Bewegung aktive Frauen aus Italien und Griechenland zur Veranstaltungsreihe »Dreimal Recht auf Stadt – Kämpfe um Wohnraum in der Euro-Krise« eingeladen. Auftakt war am vergangenen Montag in Berlin, in dieser Woche folgen zwei weitere.

»Der Besitz eines Hauses gehört für eine spanische Familie zu einem anständigen Leben«, erklärt Lucía. Die Wirtschaft basiere daher auf Immobilien, doch die Spekulation habe überhand genommen. Im Jahr 2010 standen demnach 3,4 Millionen Wohnungen im Land leer. Mit der Euro-Krise griff die Arbeitslosigkeit um sich, mindestens ein Viertel der Bevölkerung und mehr als die Hälfte der Jugendlichen sind davon betroffen. Für viele Familien sei es unmöglich geworden, ihre Hypotheken weiter zu bedienen, so Lucía. Ihre Wohnungen würden geräumt.

Eine ganz ähnliche Situation schilderte Maria von der Bewegung »Solidarität für alle« aus Griechenland. Im Zuge der Krise habe sich die Staatsverschuldung verdoppelt, die Hilfen kämen aber hauptsächlich der Rettung der Banken zugute. Die Arbeitslosigkeit ist noch höher als in Spanien, 60 Prozent der Jugendlichen hatten 2013 kein Einkommen. Darüber hinaus setzt der Staat die von EU, IWF und Europäischer Zentralbank diktierten Kürzungen durch: Renten und Löhne wurden bis zur Hälfte beschnitten, Krankenhäuser bleiben geschlossen, Sozialleistungen fallen aus. Doch selbst nach einer Zwangsräumung müssen Betroffene weiterhin ihre Hypotheken abzahlen – bei steigenden Zinsen. So hätten sich inzwischen viele Menschen in Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen, um Widerstand zu organisieren, berichtet Maria. »Auch Flüchtlinge sind oft obdachlos und können bei uns Hilfe suchen«, meint sie und grenzt sich damit von den Suppenküchen der Faschisten ab, die nur Griechen offenstehen. »Eine Massenbewegung sind wir aber noch nicht.«

Immerhin: Die spanische »Plattform für die Hypothekenbetroffenen« war inzwischen sogar vor dem Europäischen Gerichtshof in Strasbourg erfolgreich. So können Richter Zwangsräumungen nun aussetzen, wenn mißbräuchliche Hypothekenverträge im Spiel sind. Außerdem muß den Betroffenen ein alternativer Wohnraum angeboten werden. Doch ziviler Ungehorsam bleibe wichtig, meint Lucía. »Der Staat gestattet uns das Grundrecht auf Wohnung nicht«. Es gälte daher, Zwangsräumungen zu blockieren und leerstehende Häuser zu besetzen.

Ein breites Bündnis gegen die Repression sei dabei wichtig, pflichtet ihr Francesca vom italienischen Netzwerks »Action Diritti in Movimento« bei. Viele Menschen hätten sich aus akuter Wohnungsnot an die Bewegung gewandt und nun begonnen, sich als Teil eines gemeinsamen länderübergreifenden Kampfes zu begreifen: »Angst, Scham und Vereinzelung sind in Aktivismus umgeschlagen.«

Quelle:

Junge Welt







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