24-stündige Belagerung der Deutschen Bank auf dem Bremer Domshof
Landgrabbing ist in aller Munde – und das zu Recht: Denn der seit 2007 explosionsartig angewachsene Ausverkauf fruchtbarer (Acker-)Böden an Banken, Investmentfonds und Konzerne gleicht mittlerweile einer riesigen Enteignungswelle, die im Süden des Globus für mehrere Hundert Millionen Kleinbauern und -bäuerinnen, FischerInnen und ViehhirtInnen den Verlust ihrer Existenzgrundlagen bedeuten könnte. So sind allein zwischen Oktober 2008 und Juni 2009 weltweit mindestens 47 Millionen Hektar Land unter den Hammer gekommen – was der Größe Schwedens und somit einem Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der EU entspricht. Rund 75 Prozent des Landgrabbings erfolgt mittlerweile in Afrika, betroffen sind mindestens 23 Länder in sämtlichen Teilen des Kontinents, darunter auch krisengeschüttelte Staaten wie die D.R. Kongo, Süd-Sudan oder Äthiopien.
Die Deutsche Bank
Dass wir am 17. April die Deutsche Bank belagern werden, ist keineswegs zufällig. Denn die Deutsche Bank ist einer der ganz großen Akteure im globalen Landgrabbing-Geschäft – mit (anteiligem) Landbesitz vor allem in Lateinamerika und Asien. Hinzu kommt, dass die Deutsche Bank mit Investitionen von knapp 5 Milliarden US-Dollar die Nummer 1 unter den Nahrungsmittelspekulanten auf den Weltfinanzmärkten ist. Das Geldhaus hat somit ganz wesentlich zur Explosion der Lebensmittelpreise in den letzten Jahren beigetragen – vor allem, nachdem zahlreiche Finanzmarkt-Akteure im Zuge der Finanzkrise nach neuen Möglichkeiten gesucht haben, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Mit unserer Belagerung möchten wir insofern einen Beitrag dazu leisten, die Deutsche Bank einmal mehr unter Druck zu setzen. Denn der spekulative Handel mit Land und Lebensmitteln ist angesichts einer Milliarde Hungernder schlicht und ergreifend menschenverachtend, er gehört prinzipiell abgeschafft – ganz gleich, ob es um die Deutsche Bank oder irgendwelche anderen Banken, Investmentfonds oder Unternehmen geht.
Besetzungen und Widerstand gegen Vertreibungen im globalen Süden
Zugleich möchten wir mit der Aktion den Widerstand kleinbäuerlicher Bewegungen gegen sämtliche Formen des neokolonialen Landraubs unterstützen. Erwähnt sei nur, dass allein in Lateinamerika in den letzten 30 Jahren insgesamt 5000 selbst verwaltete Siedlungen auf 25 Millionen Hektar besetztem Land entstanden sind. Darüber hinaus haben sich seit 2010 insbesondere in Afrika massive Proteste entwickelt. Hierzu passt, dass im November 2011 im westafrikanischen Mali eine von dem weltweiten Kleinbauern-Netzwerk Via Campesina initiierte Konferenz gegen Landgrabbing stattgefunden hat, zu der rund 250 Delegierte aus über 30 Ländern nach Nyéléni nahe der Kleinstadt Sélegué gekommen sind. In der Abschlussdeklaration, die als eine Art Blaupause für den globalen Widerstand gegen Landgrabbing gelesen werden kann, wird vor allem dreierlei ins Zentrum gerückt: Erstens Stärkung der logistischen Infrastruktur des kleinbäuerlichen Widerstands. Zweitens öffentlichkeitswirksamer Druck auf Investoren, Regierungen und Institutionen im Norden wie im Süden – hierzu gehört auch der Aufruf, am traditionellen Aktionstag von Via Campesina am 17. April mit Aktionen gegen Landgrabbing auf die Straßen zu gehen; Drittens Verständigung auf das von Via Campesina seit 1996 schrittweise entwickelte Konzept der Ernährungssouveränität als programmatischem Gegenentwurf zum neokolonialen Landraub. Denn Ernährungssouveränität zielt auf ein Ernährungssystem, in dessen Zentrum nicht Konzerninteressen, sondern der ungehinderte Zugang zu Land, Wasser und Saatgut für kleinbäuerliche ProduzentInnen steht. Es geht also um die Verteidigung kleinbäuerlicher und somit klimaschonender Landwirtschaft (bzw. die Umstellung darauf) sowie die Dezentralisierung der Lebensmittelversorgung mit kurzen Versorgungsketten zwischen Produktion und Verbrauch. Zitiert sei in diesem Kontext daher auch der von kleinbäuerlichen Organisationen schon seit langem propagierte Slogan „Small farmers cool the planet!“.
Aktionskonzept und Vorbereitungsprozess
Ob bzw. wie sich die Deutsche Bank am 17. April verbarrikadieren wird, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass wir 24 Stunden bleiben und ein unmissverständliches Zeichen gegen das Geschäft mit Land und Nahrungsmitteln setzen werden (Stichwort: ziviler Ungehorsam). Geplant sind unter anderem politische und kulturelle Beiträge, Volksküche, Informationsstände und Filmscreenings. Außerdem wollen wir die Zeit nutzen, um uns abends in einer großen Assamblea prinzipiell darüber auszutauschen, was Landgrabbing und Nahrungsmittelspekulation mit uns zu tun haben bzw. was wir von den Kampferfahrungen und Organisations- und Widerstandsformen bäuerlicher Bewegungen im Süden lernen können, gerade in unseren aktuell in Europa geführten Kämpfen gegen Schuldendiktate, Sparprogramme etc. (verwiesen sei daher auch darauf, dass die Aktion am 17. April zahlreiche Verbindungslinien zu den Antibankenaktionen am 31. März und Mitte Mai in Frankfurt aufweist). Wichtig ist in diesem Zusammenhang außerdem, dass das aus migrationspolitischen Kämpfen hervorgegangene Netzwerk Afrique-Europe-Interact schon seit längerem eine Kooperation mit kleinbäuerlichen Gruppen in Mali aufbaut, auch davon soll berichtet werden.
Die Aktion wird von AktivistInnen aus dem transnationalen Netzwerk Afrique-Europe-Interact zusammen mit Avanti und zahlreichen Gruppen und Einzelpersonen aus Bremen vorbereitet. Wer Interesse an Mitarbeit hat, melde sich gerne bei nolandgrabbing_bremen@yahoo.de
Am 5. April findet um 19.30 Uhr in der Mediencoop/Etage 3 (Lagerhaus/Schildstr.) eine öffentliche Informationsveranstaltung – unter anderem mit Thomas Fritz (Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika) und einem Vertreter eines CSA-Hofes (Community-supported agriculture) statt.
Weitere Informationen auf der Webseite von afrique-europe-interact
