Kund­ge­bung und Ge­den­ken an die Opfer rech­ter Ge­walt

Ras­sis­mus tötet – Ra­sizm öl­dü­rüyor!

17.12.2011 15:00
Ansgarikirchof / Obernstraße

Am 4. No­vem­ber lös­ten eine ex­plo­die­ren­de Woh­nung und ein bren­nen­der Wohn­wa­gen Er­mitt­lun­gen aus, die zur bis dahin un­ent­deck­ten Na­zi-​Grup­pe Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Un­ter­grund (NSU) führ­ten. Min­des­tens zehn Tote und zwei Dut­zend zum Teil schwer Ver­letz­te im gan­zen Bun­des­ge­biet haben die Mör­der vom NSU nach bis­he­ri­gen Er­kennt­nis­sen zu ver­ant­wor­ten. Neun Men­schen wur­den von der Na­zi-​Grup­pe ge­zielt hin­ge­rich­tet, weil sie den Nazis als Aus­län­der und somit als Volks­fein­de gal­ten.

Enver Şimşek, Ab­durra­him Özüdoğru, Sü­ley­man Taşköprü, Habil Kılıç, Yunus Tur­gut, İsmail Yaşar, Theo­do­ros Boul­ga­ri­des, Meh­met Kubaşık und Halit Yozgat wur­den Opfer die­ses ras­sis­ti­schen Wahn­sinns. Wir wol­len am 17. De­zember mit vie­len Men­schen zu­sam­men kom­men, um ihrer ge­mein­sam zu ge­den­ken.

 

Das volle Aus­maß der im gan­zen Bun­des­ge­biet ak­ti­ven Na­zi-​Grup­pe NSU lässt sich bis­her nur er­ah­nen. Si­cher ist, dass es sich nicht nur um ein Trio han­del­te, son­dern dass zu­min­dest ein un­ter­stüt­zen­des Netz­werk aus gut or­ga­ni­sier­ten Neo­na­zis be­stand, z.T. be­kann­te Kader aus Ka­me­rad­schaf­ten und NPD, wie die Ver­haf­tung des Ex-​NPD-​Vi­ze Ralf Wohl­le­ben wegen Mit­tä­ter­schaft zeigt. Auch das Wis­sen und die Ver­stri­ckun­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes sind noch weit­ge­hend un­ge­klärt. Es ist keine neue Er­kennt­nis und trotz­dem er­schre­ckend, dass die groß­zü­gi­ge Ent­loh­nung von V-​Leu­ten (also ak­ti­ven Nazis, die gutes Geld dafür be­kom­men, dem Ver­fas­sungs­schutz In­for­ma­tio­nen zu geben) of­fen­bar zu einem Fi­nan­zie­rungs­sys­tem für mi­li­tan­te Nazis ge­wor­den ist. Bis zu 1,5 Mil­lio­nen Euro flos­sen auf die­sem Weg al­lein in Thü­rin­gen seit 1994 in dank­ba­re Na­zi-​Hän­de.

Ver­harm­lo­sen, Ent­po­li­ti­sie­ren und Weg­se­hen so war der Um­gang staat­li­cher Be­hör­den mit Nazis an vie­len Orten. Wenn jetzt Be­fug­nis-​Er­wei­te­run­gen für Po­li­zei und Ver­fas­sungs­schutz ge­for­dert wer­den, geht das in die völ­lig fal­sche Rich­tung. Es sind vor allem An­ti­fa-​Grup­pen, Or­ga­ni­sa­tio­nen von Mi­gran­t_in­nen und zi­vil­ge­sell­schaft­li­che In­itia­ti­ven gegen Rechts, die spä­tes­tens seit der ras­sis­ti­schen Ge­walt­wel­le nach dem Mau­er­fall immer wie­der ver­su­chen, Na­zi-​Struk­tu­ren und ihre Ver­bin­dun­gen in Po­li­tik, Si­cher­heits­be­hör­den und eta­blier­te kon­ser­va­ti­ve Krei­se auf­zu­de­cken und auf deren Ge­fähr­lich­keit auf­merk­sam zu ma­chen. Bes­ten­falls wur­den sie igno­riert, schlimms­ten­falls muss­ten sie mit Ärger und staat­li­cher Ver­fol­gung rech­nen.

Plötz­lich geben sich auch Christ­de­mo­kra­t_in­nen be­trof­fen und an­ti­fa­schis­tisch. Wel­che Heu­che­lei es war doch ein Ziel der An­ti-​Ex­tre­mis­mus-​Kam­pa­gne der CDU/CSU unter Füh­rung von Kris­ti­na Schrö­der, mit dem Be­griff Ex­tre­mis­mus an­ti­ras­sis­ti­sche und an­ti­fa­schis­ti­sche Linke gleich­zu­set­zen mit der Men­schen­ver­ach­tung der Nazis, mit ihrem mör­de­ri­schen Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus. Als wäre es egal, ob Men­schen Ge­set­ze über­tre­ten, um einen Na­zi-​Auf­marsch zu ver­hin­dern oder einen Atom­trans­port zu stop­pen oder ob sie für ein neues Drit­tes Reich kämp­fen. Das kon­ser­va­ti­ve En­ga­ge­ment gegen Links hatte zur Folge, dass an­ti­fa­schis­ti­schen In­itia­ti­ven mas­siv Gel­der ge­stri­chen wur­den, z.B. Op­fer­be­ra­tun­gen für Be­trof­fe­ne rech­ter Ge­walt. Ver­fas­sungs­schutz und Kris­ti­na Schrö­ders Kam­pa­gne wer­ben in­zwi­schen sogar in Schu­len für den Kampf gegen so­ge­nann­ten Links­ex­tre­mis­mus ver­klei­det als Prä­ven­ti­ons­ar­beit wird über­zeug­ter An­ti­fa­schis­mus unter Ver­dacht ge­stellt. Gleich­zei­tig wird Ju­gend­ein­rich­tun­gen der Hahn zu­ge­dreht. Dabei ist eine viel­fäl­ti­ge, an­ti­ras­sis­ti­sche und ra­di­kal­de­mo­kra­ti­sche Ju­gend­kul­tur wohl das er­folg­reichs­te und nach­hal­tigs­te Mit­tel gegen rech­te Ge­walt. Es waren und sind vor allem junge Men­schen, die Nazis an vie­len Orten mit Auf­klä­rungs­ar­beit und manch­mal auch mit hand­fes­ter Ge­gen­wehr zu­rück­drän­gen. Diese In­itia­ti­ven ge­hö­ren ge­stärkt und nicht die Si­cher­heits­be­hör­den. Po­li­zei und Ver­fas­sungs­schutz sind keine Or­ga­ne einer of­fe­nen Ge­sell­schaft und durch ihre au­to­ri­tä­re Or­ga­ni­sa­ti­ons­form und ihren Staats­auf­trag zie­hen sie tra­di­tio­nell eher Na­tio­na­lis­t_in­nen und Rech­te an als Frei­heits­freun­d_in­nen.

Nun ist man al­ler­or­ten ge­schockt, be­trof­fen und em­pört. Warum erst jetzt? Wo haben die Über­rasch­ten denn all die Zeit ge­steckt? Über 180 Men­schen wur­den seit 1990 Opfer ras­sis­ti­scher Ge­walt. Auf der Stra­ße tot ge­tre­ten oder in ihren Bet­ten an­ge­zün­det. Ist der klat­schen­de und joh­len­de Mob vor dem bren­nen­den Son­nen­blu­men­haus in Ros­tock schon ver­ges­sen? Und das ist nur die trau­ri­ge Spit­ze des deut­schen Eis­bergs. Wer den Be­trof­fe­nen von Ras­sis­mus zu­ge­hört hätte, wüss­te um die Ver­fasst­heit die­ser Ge­sell­schaft, um die Bli­cke, die blö­den Sprü­che, die Fra­gen nach der "ei­gent­li­chen" Her­kunft, die Be­nach­tei­li­gung bei der Woh­nungs-​ und Ar­beits­su­che, um die all­täg­li­chen Dis­kri­mi­nie­run­gen und Er­nied­ri­gun­gen. Und wer diese Stim­men nicht ge­hört hat, hätte es auch nach­le­sen kön­nen, ganz of­fi­zi­ell und wis­sen­schaft­lich, z.B. in den un­ter­schied­li­chen Un­ter­su­chun­gen zu men­schen­feind­li­chen Ein­stel­lun­gen, die der BRD ein stramm-​rech­tes Po­ten­ti­al von 20 Pro­zent der Be­völ­ke­rung
be­schei­ni­gen. Das ist kein Rechts­ex­tre­mis­mus-​ Pro­blem. Ras­sis­mus ist fes­ter Teil kon­ser­va­ti­ver Stamm­ti­sche und deut­scher Leit­kul­tur. Sar­ra­zin war ein po­pu­lä­rer Laut­spre­cher die­ser Mitte. Doch die Dis­kri­mi­nie­rung fin­det ganz ohne Auf­se­hen im All­tag statt. Durch un­se­re ras­sis­tisch den­ken­den Nach­bar_in­nen, Vor­ge­setz­ten, Per­so­nal­chefs, Leh­rer_in­nen, Er­zie­her_in­nen, Po­li­zis­t_in­nen, Sach­be­ar­bei­ter_in­nen und so wei­ter.

Die An­ge­hö­ri­gen der Opfer des NSU traf die­ser Ras­sis­mus gleich dop­pelt. Nach­dem ein na­he­ste­hen­der Mensch er­mor­det wurde, muss­ten sie Ver­leum­dun­gen durch die er­mit­teln­den Be­am­ten er­tra­gen, weil deut­sche Po­li­zis­t_in­nen bei er­mor­de­ten Ge­wer­be­trei­ben­den mit tür­ki­schen und grie­chi­schen Namen wohl nur an Mafia und Schutz­geld den­ken kön­nen. Die Stim­men der An­ge­hö­ri­gen, das sei böse Un­ter­stel­lung und es müsse sich um eine ras­sis­ti­sche At­ta­cke han­deln, wur­den schlicht igno­riert. Statt­des­sen wurde ein Soko Bos­po­rus ge­grün­det und die Taten als Dö­ner-​Mor­de be­ti­telt. Was deut­schen Be­am­t_in­nen schein­bar so ein­fällt, wenn sie es mit tür­ki­schen Namen zu tun haben.
Es sind Men­schen ge­stor­ben. Men­schen mit Fa­mi­lie, Freun­d_in­nen, Träu­men, Ängs­ten und einer Ge­schich­te. Die Zu­kunft wurde ihnen ge­nom­men.

Gegen die­sen Ras­sis­mus, gegen diese Men­schen­feind­lich­keit stel­len wir uns ge­mein­sam mit allen, die sich eine ge­rech­te und in­klu­si­ve Ge­sell­schaft wün­schen. Eine Ge­sell­schaft, in der es mög­lich ist, ohne Angst ver­schie­den zu sein!